Unschärfe für bessere Fotos?

Mit Unschärfe ein besseres Foto machen?

Das hört sich für den Laien auf den ersten Blick sicherlich unlogisch an? In den meisten Fällen will man ja schließlich erkennen was auf einem Foto belichtet wurde. Man will die abgelichteten Personen deutlich erkennen können.

Warum sollte man da durch unscharfe Fotos ein Bild besser gestalten können?

Da müsste man allerdings erst einmal wissen was Unschärfe ist? Im Prinzip das Gegenteil von Schärfe. Was Schärfe ist und wie man diese optimieren und simulieren kann habe ich bereits im Artikel über die Bildschärfe geschrieben.

Wenn man all diese Punkte umkehrt erhält man automatisch unscharfe Fotos. So einfach ist dies in der Praxis nun auch wieder nicht. Ausserdem fangen wir mit den meisten komplett unscharfen Fotos ja nichts an. Ausser wir wählen bewusst eine abstrakte Ausdrucksform?

Also wie man möglichst scharfe Fotos machen kann, haben wir bereits gelernt. Nun fragt sich aber sicherlich der neugierige Leser, warum wir uns dann noch mit der Unschärfe beschäftigen sollen?

Ganz einfach. Auch die Unschärfe in einem Bild kann gezielt zur Gestaltung und Steigerung einer Bildaussage eingesetzt werden. Deswegen wir dies unser heutiges Thema sein. Heute werde ich versuchen Möglichkeiten aufzuzeigen wie man Unschärfen in einem Bild gezielt einbauen kann und welche Auswirkungen diese auf die Qualität eines Bildes haben können.

Unschärfe durch Freistellen

Das Freistellen gehört sicherlich zu einer der gestalterischen Klassiker. Wie der Name Freistellen bereits sagt, wird ein Hauptmotiv durch einen unscharfen Hintergrund freigestellt. Das bedeutet das der Hintergrund völlig unscharf in einer Farbfläche verschwimmt und so der Blick des Bildbetrachters nicht vom Hauptmotiv abgelenkt wird.

Ahornsprössling

Ahornsprössling

Der kleine Sprössling an einem alten Ahornbaum wurde mit einem 2,8/180 mm Telebobjektiv bei offener Blende 2,8 aufgenommen. Durch den relativ kurzen Aufnahmeabstand, die Telebrennweite und der voll geöffneten Blende erzielte ich eine geringe Schärfentiefe und konnte das Hauptmotiv vom Hintergrund freistellen. Von der grünen Wiese sind keine Details mehr erkennbar. Sie verschwimmt in einer grünen Farbfläche und lenkt so den Bildbetrachter nicht vom Hautpmotiv dem Ahornzweiglein ab. Der Blick konzentriert sich so automatisch immer wieder auf das Hauptmotiv.

Spinnennetz

Spinnennetz

Bei der Aufnahme des Spinnennetzes und der Kreuzspinne wurde die selbe Gestaltung gewählt. Ein Telebojektiv 5,6/400mm mit Zwischenring. Kurzer Aufnahemabstand und fast geschlossen Blende 8. Auch hier wurde der unruhige Hintergrund einer Wiese erfolgreich freigestellt und lenkt so das Auge des Bildbetrachters nicht vom Hautpmotiv dem Spinnennetz und der Kreuzspinne ab.

Super, solche Motive gefallen dir. Das willst du auch machen?

Welche Kriterien müssen zum freistellen erfüllt werden?

  • Teleobjektive
  • lichtstarke Objektive
  • Kurzer Aufnahmeabstand
  • Größeres Aufnahmeformat (Vollformatchip)
  • Bildbearbeitung (wie Photoshop)

Das liest sich ja supereinfach? Ja, aber in der Praxis sieht es oft etwas schwieriger aus. Man kommt nicht nah genug an das Motiv. Man hat keine Kamera mit Vollformatchip. Man hat kein lichtstarkes Objektiv. Oder man hat kein Telebojektiv. Ohne diese Punkte ist das Freistellen nur erschwerter oder gar nicht möglich.

Bei den meisten digitalen Sucherkameras ist auf Grund des kleinen Aufnahmechips meist kein freistellen realiserbar.

Lichtstarke Objektive sind oft um ein vielfaches teurer. Aber sie sind eine der wesentlichen Grundlagen um ein Freistellen realisieren zu können. Mit einem 4,5-5,6/70-300 mm Zoom wie es oft im Kameraset angeboten wird, ist kaum ein Freistellen realiserbar. Hier braucht man schon ein 2,8/80-200 Objektiv. Noch besser wäre ein 1,8/200mm. Aber dafür legt man bereits ein paar tausend Euro hin. Da ist auch meine preisliche Schmerzgrenze überschritten.

Wer also auch die gestalterischen Möglichkeiten des Freistellens nutzen möchte muß also auch etwas tiefer in den Geldbeutel greifen. Ein 2,8/80-200mm oder 2,8/180 oder 200mm kostet derzeit je nach Hersteller und Technik zwischen 1500 – 3000 €. Bei höheren Brennweiten wie 300 oder 400mm werden die Lichtstärken von 2,8 dann ganz schön teuer. Wenn man da nicht beruflich sein Geld verdient, können auch manche Objektive mit geringerer Lichtstärke von Fremdherstellern eine Alternative sein. Auf Grund der langen Brennweite kann man damit mit geringerem Aufnahmeabstand durchaus noch befriedigend freistellen. Aber solch eine Anschaffung lohnt sich meiner Meinung nach nur wenn man solch ein Objektiv auch öfters nutzen möchte. Bei Tier- und Sportfotos wird man kaum um längere Brennweiten herum kommen.

Der letzte Ausweg um ein Motiv freizustellen ist noch die Bildbeareitung. Einfach das Motiv ausschneiden und den restlichen Hintergrund mit einen Weichzeichenfilter wie Gaußscher Weichzeichner auflösen. Letzter Ausweg deswegen, da diese Möglichkeit auf Grund des hohen Zeitaufwandes bei der Bearbeitung nur als Notlösung angesehen werden kann.

Unschärfe durch Bewegung

Bei bewegten Motiven kann eine sichtbare Unschärfe des bewegten Motives eine Steigerung der Bildaussage unterstreichen. Was ich meine zeige ich einfach mal an den folgenden Fotos.

Übergabe Staffelholz

Bewegungsunschärfe

Um die Dynamik zu unterstreichen wurden bei diesem Foto verschiedene Effekte gezielt eingesetzt. Der Hintergrund wurde mit längerer Verschlußzeit gemacht und bei der Aufnahme mitgezogen. Dadurch entstanden die verwischten grünen Streifen. Die beiden Hände wurden mit dem Staffelholz scharf aufgenommen. Der Bewegungsunschärfe wurde mit Photoshop in mehreren Phasen eingearbeitet.

Zoomeffekt

Zoomeffekt

Eine weitere Möglichkeit der Unschärfe ist das Zoomen. Man wählt eine längere Verschlußzeit und zoomt das Objektiv während der Belichtung. Durch das verschieben der Brenneite entsteht dieser Zoomeffekt. Die Wischer gehen zentral nach aussen. Damit kann man ein Hauptmotiv in der Mitte sehr konzentriert darstellen. Bei dem Weitspringer entsteht durch den Zoomeffekt auch noch der Eindruck von Dynamik.

Bei dem Foto wurde nicht die klassische Zoommethode eingesetzt. Der Zoomeffekt entstand im Photoshop. So kann man den Effekt kontrollierter einsetzen. Durch die lange Verschlußzeit wäre auch der Weitspringer nicht so gestochen scharf. Den Zoomeffekt zur kontrollierten Steuerung also am besten mit einem Bildbearbeitungsprogramm nachträglich gestalten.

Ein ähnlicher Effekt wie der Zoomeffekt ist das mitziehen bei einer längeren Verschlußzeit. So wie der Hintergrund vom Bild mit dem Staffelholz entstand. Bei einer Sekunde die Kamera von links nach rechts bewegt und man hat einen manchmal ganz schönen Wischeffekt. Auch dieser Effekt läßt sich heute kontrollierter über Bildbearbeitung erzielen.

Fazit:

Der gezielte Einsatz von Unschärfen kann die Bildaussage verstärken und so zu einem ausdruckstärkeren Foto führen.


Über Bernd

Bereits in meiner Kindheit musste ich Motive fotografisch festhalten. Durch eine Ausbildung im Fotohandel habe ich mich in den letzten Jahrzehnten intensiv mit der Fotografie beschäftigt. Seit einigen Jahen fotografiere ich Nebenberuflich für Bildagenturen. Meine Erfahrungen aus der Theorie und Praxis möchte ich in diesem Fotoblog an andere Fotofans weiter geben.

7 Kommentare zu Unschärfe für bessere Fotos?

  1. Dimedon schrieb:

    Danke für den Interessanten Artikel. Bis jetzt war mir gar nicht bewusst, dass Unschärfen eine Art Stilmittel in der Kunst des Fotografierens sind.
    Vor allem das „Freistellen“ hat mir gut gefallen. Fotos sind ja oft mit Informationen überlastet. Da ist es dann wichtig, das Interessante hervorzuheben.

  2. engelchen schrieb:

    Hat meine Frage im Bericht schon beantwortet, war gerade am überlegen, was man macht wenn man kein Teleobjektiv hat und ob es mit einem Bildbearbeitungsprogramm auch geht.Welches Bildbearbeitungsprogramm was leicht verständlich ist 😉 würdest du eigentlich einem Anfänger empfehlen?

  3. redscorpion012 schrieb:

    Habe ich auch noch nicht gewusst das mit der Unschärfe. Aber man lernt ja nie aus das es z.Bsp. bei Nahaufnahmen so ist das der Vordergrund immer Schärfer dargestellt wird als der Hindergrund war mir klar nur eben halt die Unschärfe nicht.Super Beitrag

  4. Knuffelpack schrieb:

    Naja wenn der grösste Teil des Bildes Unscharf ist und eine Person z.B. nicht, fällt natürlich der erste Blick natürlich auf das was scharf ist.

  5. Lichtens schrieb:

    Ja. Also das Foto von dem Sportler finde ich auch absolut genial. Die künstlerische Note ist absolute spitze. Das wesentliche ist scharf und der rest verschwimmt in Farben… Toll!

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