Man sagt, ein Foto sagt mehr als tausend Worte. Doch was sagt ein halbes Jahrhundert an Fotos über einen Menschen aus? Wenn ich heute in meinem Fotostudio stehe und das Licht meiner Softboxen Millimetergenau ausrichte, sehe ich manchmal in Gedanken ein kleines Kind vor mir. Ein Kind im Jahr 1971, das eine einfache Plastikkamera in den Händen hält und zum ersten Mal das magische „Klick“ hört.
Mein Name ist Bernd Schmidt, und die Fotografie ist für mich nicht nur ein Hobby oder ein Beruf – sie ist die Chronik meines Lebens. In diesem Artikel möchte ich dich mitnehmen auf eine Reise von den analogen Anfängen der 70er Jahre über die goldene Ära der Fotoclubs bis hin zur digitalen Stockfotografie von heute.
Die Geburtsstunde einer Leidenschaft (1971 – 1978)
Alles begann im Jahr 1971. Mein Werkzeug? Eine Kodak Instamatic. Wer diese Kameras noch kennt, weiß: Das war Fotografie in ihrer pursten, fast schon naiven Form. Man legte die Kassette ein, drückte ab und hoffte auf das Beste. Es gab keine Blendenwahl, keinen manuellen Fokus, nur den Moment. Doch genau hier lernte ich die wichtigste Lektion: Das Motiv ist entscheidend. Wenn die Komposition nicht stimmt, hilft auch die teuerste Technik nicht.
1975 folgte der erste technologische Sprung: Eine Agfa Pocketkamera. Das Besondere an diesem Modell war die Makrofunktion. Plötzlich eröffnete sich mir eine Welt im Kleinen. Käfer, Blütenblätter, Texturen – die Faszination für das Detail, die mich bis heute in der Naturfotografie begleitet, wurde hier geboren. Es war die Zeit des Experimentierens, in der ich lernte, dass man sich bücken oder hinknien muss, um eine neue Perspektive zu gewinnen.
Der Einstieg in die Ernsthaftigkeit: Die Pentax-Ära (1979 – 1980)
Der wahre Wendepunkt kam 1979. Mit meiner ersten Spiegelreflexkamera, einer Pentax Spotmatic, änderte sich alles. Plötzlich hatte ich die Kontrolle. Ich konnte mit der Schärfentiefe spielen, Belichtungszeiten wählen und – was am wichtigsten war – ich begann, die Welt in Schwarzweiß zu sehen.
Als junger Fotograf im örtlichen Leichtathletikverein war ich am Spielfeldrand zu finden. Ich fotografierte Diskuswerfer im Moment der höchsten Spannung und Sprinter beim Zieleinlauf. Diese Bilder fanden ihren Weg in die regionale Presse. Das erste Mal den eigenen Namen unter einem gedruckten Foto zu lesen, ist ein Gefühl, das man nie vergisst. Es war die harte Schule der Reportagefotografie: Man hat nur eine Chance für den perfekten Schuss. In der Dunkelkammer wurde dann aus den belichteten Filmen die Realität – eine Geduldsprobe, die heutigen „Generation Smartphone“ völlig fremd ist.
Handwerk und Profession (1981 – 1985)
1981 entschied ich mich, mein Schicksal ganz mit der Fotografie zu verknüpfen. Ich begann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Fachbereich Fotohandel. Tagsüber beriet ich Kunden über Objektive und Filmmaterial, abends investierte ich mein Gehalt in meine eigene Ausrüstung: Eine Nikon FM. Diese Kamera war ein mechanisches Meisterwerk – unverwüstlich und präzise.
Diese Jahre waren meine Lehrjahre. Ich verstand nun nicht nur, wie man ein Foto macht, sondern auch die physikalischen Grundlagen dahinter. Ich lernte den Unterschied zwischen der Brillanz eines Diafilms und der Gutmütigkeit eines Negativs. 1983 traute ich mich schließlich aus der Deckung und nahm an meinen ersten Fotowettbewerben und internationalen Fotosalons teil. Die Fotografie wurde zum sportlichen Wettkampf, zur Suche nach der Perfektion.
Der Sprung auf die Weltbühne (1986 – 1998)
Mitte der 80er Jahre begann eine Phase, die ich heute als meine „internationale Expedition“ bezeichne. 1985 trat ich der Photographic Society of America (PSA) bei. Ein Jahr später kamen die ersten großen Bestätigungen: Meine Arbeiten wurden auf internationalen Salons in Hongkong, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Frankreich und Großbritannien angenommen.
Es war eine berauschende Zeit. Meine Bilder reisten um den Globus, während ich in Deutschland im Fotogroßhandel arbeitete. Die Fotografie war meine Brücke zur Welt. Ich lernte, dass Ästhetik eine universelle Sprache ist. Ein gut komponiertes Licht-Schatten-Spiel wird in Singapur genauso verstanden wie in Paris.
1988 trat ich dem VDAV bei (der nach der Wende zum DVF – Deutscher Verband für Fotografie wurde). Die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten war entscheidend. Kritik von anderen Fotografen zu erhalten, ist schmerzhaft, aber sie ist der einzige Weg, um wirklich besser zu werden.
Die goldenen Jahre der Fotoclubs (1999 – 2005)
1999 trat ich dem Fotoclub Camera 66 bei, was eine Ära unglaublicher Erfolge einläutete. Wir waren nicht nur eine Gruppe von Hobbyknipsern; wir waren eine ambitionierte Truppe, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen anspornte.
Die Meilensteine dieser Zeit lesen sich heute wie ein Traum:
- Geldpreise und Ehrennadeln: Von der Bronzenen bis zur Silbernen Ehrennadel des DVF arbeitete ich mich nach oben.
- Die ELDAF-Ehre: Als erst zweiter Fotoclub weltweit erhielt Camera 66 die „Ehrenloge der Amateurfotografen“ der Fachzeitschrift Foto Creativ.
- Der Leica-Moment: 2002 gewann ich beim Kodak-Wettbewerb „Farbsignale“ eine Leica M7. Für einen Fotografen ist das so, als würde ein Rennfahrer einen Ferrari geschenkt bekommen. Im selben Jahr wurden wir Deutscher Fotoclubmeister.
Doch Erfolg hat seinen Preis. 2003 forderte mich mein neuer Job bei einem Kabelhersteller so stark, dass ich schweren Herzens aus dem Club austrat. Aber ich ging nicht ohne einen letzten Paukenschlag: Die Retina in Bronze und später die Iris in Bronze markierten den Höhepunkt meiner Leistungen auf Bundes- und Landesebene.
Der Wandel zur digitalen Souveränität (2006 – 2011)
Die Welt veränderte sich, die Fotografie wurde digital, und auch ich passte mich an. Seit 2006 verlagerte ich meinen Schwerpunkt weg vom harten Wettbewerbsdruck hin zur eigenen Präsentation. Ich baute die erste Fotohomepage www.photohomepage.de aus.
Meine Motive wandelten sich ebenfalls. Weg von den strengen Regeln der Wettbewerbsfotografie, hin zu dem, was mich wirklich berührt: Landschaft, Tiere und Pflanzen. Die Naturfotografie erfordert eine ganz eigene Art von Geduld. Man kann einen Tiger oder eine seltene Blume nicht dirigieren. Man muss warten, beobachten und bereit sein.
2008 wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit als Webdesigner und begann, mein umfangreiches Bildarchiv über Stockagenturen zu vermarkten. Plötzlich wurden meine Bilder für kommerzielle Projekte weltweit genutzt. Aus Leidenschaft wurde ein Nebenerwerb, der 2011 in einer intensiven Produktion für Stockagenturen gipfelte.
Ein großer Traum erfüllte sich 2012: Die Einrichtung meines ersten eigenen Fotostudios. Hier konnte ich endlich die volle Kontrolle über das Licht übernehmen – unabhängig von Wetter und Tageszeit. Das Studio ist für mich ein Ort der Stille und der Konzentration. 2018 habe ich es komplett neu gestaltet und möbliert, um den modernen Anforderungen an Technik und Komfort gerecht zu werden.
Seit 2010 teile ich mein Wissen zudem auf www.blog-ueber-fotografie.de. Es ist meine Art, der Community etwas zurückzugeben, die mich über Jahrzehnte getragen hat.
Nach all den Jahrzehnten, den unzähligen Kameras von Kodak bis Leica und Nikon, und den vielen Kilometern, die ich für das perfekte Motiv gereist bin, haben sich zwei Leitsätze in mein Herz eingebrannt:
1. Nicht die Kamera, sondern der Fotograf macht das Foto!
Wir leben in einer Zeit, in der Kameras in der Lage sind, bei fast völliger Dunkelheit scharfe Bilder zu machen. Aber Technik ist seelenlos. Ein Bild braucht einen Standpunkt, eine Emotion und ein Auge, das das Besondere im Alltäglichen sieht. Die beste Kamera der Welt nützt dir nichts, wenn du nicht weißt, warum du den Auslöser drückst.
2. Ohne Fleiß kein Preis!
Fotografie ist Handwerk. Man muss die Grundlagen beherrschen, bis sie in Fleisch und Blut übergehen. Man muss bereit sein, für ein Foto früh aufzustehen, im Regen zu stehen oder stundenlang in der Nachbearbeitung an der perfekten Farbbalance zu feilen. Die „Glückstreffer“ sind meistens das Ergebnis harter Vorbereitung.
Ein Blick in die Zukunft
Wenn ich heute auf meinen fotografischen Lebenslauf blicke, bin ich dankbar. Dankbar für die Technik, die sich so rasant entwickelt hat, aber vor allem dankbar für die Momente, die ich festhalten durfte. Mein Weg vom kleinen Jungen mit der Instamatic zum passionierten Studio- Marko- und Landschafsfotografen war lang, manchmal anstrengend, aber immer erfüllt von der Liebe zum Bild.
Die Fotografie wird sich weiter verändern – KI, neue Sensoren und soziale Medien werden die Art, wie wir Bilder konsumieren, transformieren. Aber das Wesen der Fotografie bleibt gleich: Es ist der Versuch, die Vergänglichkeit für einen Wimpernschlag aufzuhalten.
Ich freue mich darauf, auch in den nächsten Jahren durch den Sucher zu blicken und die Welt immer wieder neu zu entdecken.
Dein Bernd Schmidt
Was ist deine Geschichte?
Bist du auch ein „Analog-Kind“ oder bist du direkt in der digitalen Welt eingestiegen? Welche Kamera hat dein Leben verändert? Lass es mich in den Kommentaren wissen – ich freue mich auf den Austausch mit euch!